Hinweis

Für dieses multimediale Reportage-Format nutzen wir neben Texten und Fotos auch Audios und Videos. Daher sollten die Lautsprecher des Systems eingeschaltet sein.

Mit dem Mausrad oder den Pfeiltasten auf der Tastatur wird die jeweils nächste Kapitelseite aufgerufen.

Durch Wischen wird die jeweils nächste Kapitelseite aufgerufen.

Los geht's

Im Abseits - Jüdische Schicksale im deutschen Fußball

Logo https://fussballmuseum.pageflow.io/im-abseits-judische-schicksale-im-deutschen-fussball

Einleitung

In Zeiten des Corona-Lockdown und der damit verbundenen vorübergehenden Schließung kann das Deutsche Fußballmuseum seinen Gästen momentan leider nicht das gewohnte Ausstellungserlebnis bieten. Die Arbeit an ambitionierten Projekten und die stetige inhaltliche Weiterentwicklung setzen sich jedoch uneingeschränkt fort.

Im Hinblick auf das Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ hat das Deutsche Fußballmuseum unter anderem die Wanderausstellung „Im Abseits. Jüdische Schicksale im deutschen Fußball“ konzipiert. Vorgestellt werden die Lebensgeschichten von elf jüdischen Fußballspielern und -pionieren, die in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur dramatische Brüche erlebten.

Noch heute ist Antisemitismus – auch im Fußball – weit verbreitet. Dagegen gilt es ein klares Zeichen zu setzen. Das Deutsche Fußballmuseum möchte hierzu einen Beitrag leisten.

Anlässlich des internationalen Gedenktags an die Opfer des Holocaust am 27. Januar soll digital ein erster Einblick in die Wanderausstellung gegeben werden. Nach dem Ende der allgemeinen Corona-Beschränkungen werden „Im Abseits. Jüdische Schicksale im deutschen Fußball“ und weitere vielfältige Beiträge zum Festjahr „1700 Jahre jüdischen Lebens in Deutschland“ sowohl im Deutschen Fußballmuseum als auch landesweit in Schulen und Bildungseinrichtungen zu sehen sein.

Zum Anfang

Ohne den Einfluss jüdischer Clubfunktionäre und Spieler
ist die Geschichte des deutschen Fußballs nicht denkbar.
Auf ihrer Pionierleistung basieren etliche Vereinsgründungen.
Bis zur „Machtergreifung“ durch Adolf Hitler am 30.1.1933
sind Juden fest in die nationale Fußballkultur integriert.

Im April 1933 erklärt der DFB im vorauseilenden Gehorsam
„Angehörige der jüdischen Rasse (…) in führenden Stellungen der Verbandsinstanzen und der Vereine für nicht tragbar.“ Daraufhin werden jüdische Mitglieder rigoros ausgeschlossen.

Viele wechseln in die Clubs der Schild- und Makkabi-Verbände
und bestreiten eigene Meisterschaften und Pokalwettbewerbe. Parallel dazu verschärfen sich Entrechtung und Ausgrenzung. Mit der Pogromnacht 1938 eskaliert die antisemitische Gewalt. Widerstand und Solidarität mit den Verfolgten ist selten.

Die einzige Rettung vor dem NS-Terrorsystem ist die Flucht.
Hunderttausende in der deutschen Heimat verbleibende Juden werden deportiert und in Vernichtungslagern ermordet.
Mit dem fast vollständigen Auslöschen jüdischen Lebens geraten auch die jüdischen Sportler in Vergessenheit.

Erst seit der Jahrtausendwende gibt es vermehrt Initiativen, ihre Verdienste zu würdigen, ihre Biografien zu erforschen
und sie damit ins öffentliche Bewusstsein zurückzuholen.

Dieser wichtigen Aufarbeitung deutscher Fußballgeschichte
sieht sich die Sonderausstellung besonders verpflichtet.

Zum Anfang
Zum Anfang

Max Girgulski

0:00
/
0:00
Video jetzt starten
* 12. November 1919 in Frankfurt
gest. 3. Februar 1983 in Buenos Aires

Girgulski ist seit seiner Kindheit begeisterter Fußballer.
Mit der Schülermannschaft von Eintracht Frankfurt
erringt der Verteidiger 1928 die Gaumeisterschaft.
Kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933
wird Girgulski gezwungen, die Eintracht zu verlassen.
Wie viele aus den Stammvereinen gedrängte jüdische Sportler
muss sich Girgulski nun einem jüdischen Verein anschließen.
Ab 1934 läuft das große Talent für Bar Kochba Frankfurt auf.
Zwei Mal wird er mit Bar Kochba Frankfurt Makkabi-Meister,
privat verliert er jedoch nach der Arisierung seines Betriebs
1937 seine Arbeitsstelle als ausgelernter Elektrotechniker.
Ausgegrenzt und bedroht flieht er 1938 nach Buenos Aires.
Dort spielt Girgulski für die Boca Juniors und River Plate,
den Sprung in die erste Mannschaft schafft er jedoch nicht.
Zeit seines Lebens bleibt Max Girgulski Eintracht-Fan.
Deutschen Boden betritt er allerdings nie wieder.


Das Deutsche Fußballmuseum hat im Rahmen des Gedenkens an die Zerschlagung der jüdischen Sportbewegung durch das NS-Regime ein einzigartiges Exponat entgegengenommen. Es handelt sich um das Meistertrikot von Max Girgulski aus dem Jahr 1936.
  
36 Jahre nach Girgulskis Tod übergab seine Tochter Susana Baron im Beisein von Mark Dainow, dem Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, das Trikot an Museumsdirektor Manuel Neukirchner. Damit kehrt das Unikat als einzigartiges Zeugnis eines lange vergessenen und verdrängten Kapitels deutscher Fußballgeschichte in seine ursprüngliche Heimat zurück.







Video öffnen

Zum Anfang
0:00
/
0:00
Audio jetzt starten
Zum Anfang

Ernst Alexander

0:00
/
0:00
Audio jetzt starten
* 5. Februar 1914 in Gelsenkirchen
gest. 28. August 1942 im KZ Auschwitz

Audio öffnen

Zum Anfang

Gottfried und Richard Fuchs

0:00
/
0:00
Video jetzt starten
* 3. Mai 1889 in Karlsruhe
gest. 25. Februar 1972 in Montreal

Der sechsfache deutsche Nationalspieler jüdischer Herkunft
erzielt zehn seiner 13 Tore in einem einzigen Länderspiel:
Fuchs gelingt der ewige Rekord beim 16:0 gegen Russland während der olympischen Spiele 1912 in Stockholm.
1910 wird er mit dem Karlsruher FV Deutscher Meister,
mit Süddeutschland gewinnt er 1912 den Kronprinzenpokal.
Im Ersten Weltkrieg dient der Patriot an der Westfront
und erhält für seine Tapferkeit hohe Verdienstorden.
1937 ist er gezwungen, aus Nazideutschland zu fliehen.
Über mehrere Länder gelangt Fuchs 1940 nach Kanada.
Ab 1955 pflegt er eine Brieffreundschaft mit Sepp Herberger.
Für den Bundestrainer ist Fuchs das Idol seiner Jugend.
Als ein Akt der Versöhnung schlägt Herberger dem DFB vor,
Fuchs 1972 in das neue Münchner Olympiastadion einzuladen.
Der DFB lehnt ab: man wolle keinen „Präzedenzfall“ schaffen.
Kurz vor Erhalt der Absage stirbt Fuchs an einem Herzinfarkt.


Im Januar 2020 fand im Deutschen Fußballmuseum ein Gedenkkonzert zu Ehren der Gebrüder Fuchs statt. Gottfried erzielte bei den Olympischen Spielen 1912 beim bis heute höchsten Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen Russland (16:0) zehn Tore. Sein Bruder Richard war Komponist, dessen Werke weder in Nazi-Deutschland noch später im neuseeländischen Exil gespielt, sondern erst jetzt in Dortmund uraufgeführt worden sind.



Video öffnen

Zum Anfang

Die Tochter von Richard Fuchs erzählt von ihrem Vater und ihrem Onkel. Sie lebt in Neuseeland und hat das Gedenkkonzert im Fußballmuseum digital verfolgt.

0:00
/
0:00
Video jetzt starten
Von Soni Mulheron.

Video öffnen

Zum Anfang

Kurt Landauer

* 28. Juli 1884 in Planegg
gest. 21. Dezember 1961 in München

Landauer zählt zu den bedeutendsten Figuren des FC Bayern. 1901 beginnt er als Torhüter in der zweiten Mannschaft.
Von 1913 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914
amtiert er als Präsident, wie auch nach Kriegsende ab 1919.  Unter Landauer erlebt der Club seinen sportlichen Aufstieg und gewinnt 1932 erstmals die Deutsche Meisterschaft.
Mit der NS-Machtergreifung legt Landauer sein Amt nieder. Wegen seines jüdischen Glaubens verliert er seine Arbeit
und wird 1938 für vier Wochen lang im KZ Dachau interniert. 
Nach seiner Entlassung flieht er im Mai 1939 in die Schweiz, vier seiner Geschwister werden vom NS-Regime ermordet.
Im Juni 1947 kehrt Landauer nach Deutschland zurück
und wird im August erneut Präsident des FC Bayern München. 1951 wählen ihn die Vereinsmitglieder überraschend ab.
Dennoch nimmt Landauer weiter am Clubgeschehen teil. 
1955 wendet er mit Privatgeldern die drohende Insolvenz ab.

Zum Anfang

Eugen Salomon

0:00
/
0:00
Video jetzt starten
* 5. März 1888 in Wörrstadt
gest. 14. November 1942 im KZ Auschwitz

Kurz nach Beitritt zum 1. Mainzer Fußballclub Hassia 05
wird Salomon 1905 als 17-Jähriger zum Vorsitzenden gewählt. 
Nach mehreren Fusionen entsteht 1919 der 1. FSV Mainz 05.
Salomon bleibt einer der wichtigsten Club-Repräsentanten:
Als Mitglied des Vereinsvorstands und großzügiger Mäzen
trägt er zum sportlichen Erfolg in den 1920er-Jahren bei.
Bereits 1933 wird Salomon aus dem Verein ausgeschlossen.
Noch im selben Jahr flieht er ins französische Lothringen.
Scheinbar in Sicherheit baut er sich eine neue Existenz auf.
Mit Kriegsbeginn 1939 werden grenznahe Regionen evakuiert 
und Salomon muss in das Landesinnere umsiedeln,
wo ihn deutsche Besatzer im Oktober 1942 verhaften lassen.
Seine Frau und Kinder retten sich in den unbesetzten Süden. 
Im November 1942 wird Salomon ins KZ Auschwitz deportiert. 
Von den 1.000 Personen seines Transports überleben nur vier.

Video öffnen

Zum Anfang

Julius Hirsch

0:00
/
0:00
Video jetzt starten
* 7. April 1892 in Achern
zum 8. Mai 1945 für tot erklärt

Hirsch bestreitet von 1911 bis 1913 sieben Länderspiele.
Er ist neben Gottfried Fuchs der einzige jüdische Spieler,
der jemals für die deutsche Nationalmannschaft aufläuft.
Der Stürmer gewinnt zwei Mal die Deutsche Meisterschaft
– 1910 mit dem Karlsruher FV und 1914 mit der SpVgg Fürth –
und mit Süddeutschland 1912 den Kronprinzenpokal.
Im Ersten Weltkrieg erhält er das Eiserne Kreuz II. Klasse.
1933 grenzt auch sein Heimatverein jüdische Mitglieder aus.
Der KFV-Ehrenspielführer sieht sich zum Austritt genötigt.
Entrechtung und vergebliche Arbeitssuche im In- und Ausland
sind die Ursachen für einen Selbstmordversuch im Jahr 1938.
Er lässt sich 1942 von seiner evangelischen Frau scheiden,
um seine Familie vor weiterer Verfolgung zu bewahren.
Julius Hirsch wird im März 1943 ins KZ Auschwitz deportiert.
Eine beim Halt in Dortmund versendete Karte an seine Tochter
ist ein letztes Lebenszeichen kurz vor seiner Ermordung.

Video öffnen

Zum Anfang
0:00
/
0:00
Video jetzt starten
Das Stürmerduo Fuchs/Hirsch 1910 im Trikot des Karlsruher FV

Video öffnen

Zum Anfang

Zum Anfang

Zum Anfang
Scrollen, um weiterzulesen Wischen, um weiterzulesen
Wischen, um Text einzublenden
Schließen
Übersicht
Nach links scrollen
Kapitel 1 Einleitung

Ein Wort vorab

Kapitel 2

IM ABSEITS

Kapitel 4 Ernst Alexander

Ernst Alexander

Kapitel 5 Gottfried und Richard Fuchs

Gottfried Fuchs

Erinnerungen aus dem Exil

Kapitel 6 Kurt Landauer

Kurt Landauer

Kapitel 7 Eugen Salomon

Eugen Salomon

Nach rechts scrollen